Wednesday, September 8, 2010

Das Allgemeine und das Besondere

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Gerade ging ich ein paar Bilder aus Nikolaiev (oder wie man das auch immer schreibt) durch und dabei fiel mir ein gewisser Ausblik ein, der sich hervorragend dazu geeignet hätte, fotografiert und dann in ein schwarzweiss Bild umgewandelt zu werden: diffuses Licht, staubige Luft, ein uralter Lastwagen, der um die Kurve fährt, im Hinterrund eine heruntergekommene Schiffswerft, spezielle Architektur. Ich hab das Bild aber nicht gemacht, weil es nichts besonderes (mehr) war. Ich habe es erwartet. Ich war daran gewohnt, nach drei Wochen in der Ukraine. Der Blick entwickelt sich, stumpft ab, die Dinge werden banal - es ist der Zeitpunkt, in dem travelphotography dazu übergeht, mehr zu sein als die Aufzeichnung des Exotischen (im wahrsten Sinne hier, wenn ich mich der Etymologie des Wortes recht entsinne) Wäre ich von meiner Couch direkt in die Szenerie gebeamt worden, wären mir die Augen übergegangen (und gewundert hät ich mich wohl auch ein bisschen), und ein Bild hätte ich bestimmt gemacht.

Worauf ich hinauswill? Darauf, dass es zumeist der touristische Blick ist, der auf Reisen bestimmt, was fotografiert wird und was nicht. Man verwechselt das Besondere mit dem Banalen, ganz einfach deshalb, weil alles so besonders erscheint.

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Wenn der Fotograf aber nicht versteht, was das Bedeutsame ist, bleibt er Tourist in der Zeichenwelt, navigiert ex negativo anhand gewohnter Anblicke, orientiert sich genau an dem, was von seinem gewohnten Umfeld abweicht; daher ja auch die vor Exotik triefende Reisefotografie, die ich mittlerweile so zum kotzen finde, die sich aber nicht ändern kann, nicht ändern wird, weil der Durchschnittsfotograf eben nicht lange genug vorort ist, um sich von der Befremdung zu emanzipieren (es wird ihm auch völlig egal sein) - dasselbe gilt übrigens für den Durchschnittsbetrachter, dem ja auch beim 1000ten Kinderportrait aus Asien noch einer abgeht, ganz egal wie schlecht es gemacht ist. Und genau deshalb hab ich im Moment keine Lust, nach Asien oder Afrika zum fotografieren zu fahren, weil ich befürchte, mich ebenfalls nicht lösen zu können.

Die Lösung die ich vorerst für dieses Problem gefunden habe orientiert sich an der Dichotomie von Allgemeinem und Besonderem.

Das Allgemeine ist dabei die Menschlichkeit als solche, die condition humana, wiederkehrende und daher wiedererkennbare Motive. Schon mal gefragt, wieso immer alle so geil drauf sind, Essen von den jeweiligen Aufenthaltsorten zu Gesicht zu bekommen? Weil sie einen Vergleich haben, weil es ein Grundbedürfnis ist. Schon mal die Enttäuschung bemerkt, die aufzieht, wenn in einer Diashow keine Bilder vom Essen dabei sind? Man wird garantiert darauf angesprochen. "Und wos hobts durt gessn? Host des net fotografiert?" Nein, ich habs gegessen.

Das Besondere an der Gleichung ist das Setting. Das sollte aber eben nur als Kulisse, und nicht als Hauptdarsteller verstanden werden. Es ist wie beim Licht, das nicht das Sujet sein darf, sondern das Sujet beleuchten soll.

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Ein richtig gutes Bild ist für mich also eines, das allgemeines und besonderes vereint. Es geht im Übrigen nicht nur mir so, mir fällt auf, dass gerade jene Bilder immer sehr gut ankommen, auf denen ein erkennbares Motiv in neuem Setting erscheint, neu interpretiert wird. Besser allerdings zeihen nach wie vor jene, die nur auf das Besondere setzen. Und es ist ja auch kein Wunder, denn wie gesagt, das Festhalten des Besonderen macht das eigentliche Wesen der Fotografie aus.

Im Moment sehe ich für mich also den besten Weg, solange das Besondere zu fotografieren, bis es sich mit dem Allgemeinen vermengt; früher oder später geschieht das. Oder, wie in Odessa versucht, das Besondere zu definieren und dann im Allgemeinen (das ja auch schon besonders weil exotisch ist) zu finden. Schade dass ich nciht kontrollieren kann, ob mir das gelungen ist oder nicht. Und wenn einem sonst ncihts einfllt kann man ja noch immer streetpics machen; da tritt das Allgemeine früher oder später zwangsweise zum Besonderen. Und wenn nicht hat man noch immer den Besonderheitshaufen: und von dem ist das abschließende Bild dieses Posts.

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1 comments:

dominik September 10, 2010 at 8:32 PM  

interessante gedanken.
danke fürs teilen.

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