Wednesday, September 22, 2010

Anders Petersen

Vor kurzem stieß in irgendwo in den ewigen Weiten des Internets auf ein Bild, das mich sofort in seinen Bann zog: ein Schneemann, grau. Anders Petersen stand dabei, und nach einer kurzen Durchforstung der österreichischen Bibliotheksbestände wurde ich fündig. Und wie.


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Anders Petersen

(*1944) fotografiert Menschen. Und Tiere. Und Gerümpel. Das Leben als solches. Aber sowas von mit Stil, es ist unglaublich.


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Bekannt wurde er in den 70er Jahren mit einem Bildband über das Innenleben einer versifften Kneippe, irgendwo an der Verlängerung der Reeperbahn gelegen. Drinnen: Versager, Ausgestoßene der Gesellschaft, Prostituierte, Alkoholiker. Und er. Über 2 Jahre fotografierte er was dort geschah, am Rand der Gesellschaft. Ohne belehrende Untertitel kommen die Bilder daher, wie eine Druckwelle der Conditio humana. Ihre visuelle Kraft bekommen sie durch das kontraststarke schwarz/weiß, und die Patina der silberbasierten schwarz weiß Analogie.


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Dadurch erinnern sie an das Erstlingswerk von Paul Kranzler, auch thematisch. Denn obwohl seine Protagonisten zumeist zuhause sind bedient er sich einer ganz ähnlichen Bildersprache, die die Struktur des Elends offenlegt.


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Spätere Arbeiten Petersens drehen sich um ganz ähnliche Dinge: Gefängnisse, Altenheime, Irrenhäuser. Immer bewegt er sich am Rand, immer außerhalb der gewohnten Bahnen, und, das sieht man den späteren Bildern an, immer außerhalb der comfort zone. Die Bilder, die dabei entstehen lösen ein einigermaßen beklemmendes Gefühl aus. Nicht umsonst hat sich Tom Waits für das Cover für das Album Raindogs eines der Bilder aus "Cafe Lehmitz", dem Erstlingswerk von Anders Petersen, ausgesucht. Eine hysterisch Lachende, ein Betrunkener an ihrem Hals.


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Für mich interessant ist auch der Zugang, der Petersen gewährt wird, das Vertrauen, das ihm entgegengebracht wird. Seine späteren Werke sind tagebuchartige Stadtaufnahmen, von dunklen Schlafzimmerblicken durchzogen. Drogen, Sex, Alkohol. Dazwischen Tiere, und Menschen in Straßensituationen. Nackte Oberkörper, sowieso, Alltagsstrukturen. Das erinnert mich auch an eine Idee die ich vor kurzem hatte: Verzweiflung, Sex, dampfende Anstrengung, und die erbarmungslose Umwelt als Bindeglieder der Menschheit, aber auch menschliche Wärme und Liebe.


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Abgesehen davon, dass ich diese Herangehensweise, Portraits mit einfachen Beobachtungen und Stillleben abzuwechseln ohnehin liebe, ist Petersens Ästhetik eine, die aus jeder Masse heraussticht. Kein Bild ohne schwarze Fläche, geringe Tiefenschärfe, Raum und Lichtstrukturen. Kein Wunder dass diese Arbeiten an jene frühen Willmanns erinnern (zu dem demnächst) Der Kraft, die diese Bilder entfalten kann man sich nur schwer entziehen.


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Auch, weil er nichts dazu tut uns zu erklären, wer diese Leute sind. Sie sind einfach, und ihr Anblick durch die extrem subjektive Linse Petersens ist so authentisch dass es weh tut.


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Zu empfehlen ist im Übrigen das Buch "Ich dich Lieben, du mich auch?" das imzuge einer Ausstellung im Fotomuseum Winterthur herausgegeben wurde. Auch nicht zu verachten weil es rockt, und hier das flächige Spiel der Kontraste zu neuen Höhen heranreift: "french kiss" (Kehrer Verlag) - Gibts beide bei amazon.


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1 comments:

Alex October 24, 2010 at 6:01 PM  

http://www.lensculture.com/petersen.html

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